Pazifismus

Wer einer Bande von U-Bahn-Schlägern mit den Worten kommt: „Echt, das finde ich jetzt aber doof, daß ihr den armen, alten Mann da zusammentretet. Wollen wir nicht schnell einen Stuhlkreis machen und drüber reden?“, der kriegt oft selbst eins auf’s Maul und das nicht zu knapp.

Ein Pazifist sieht in solchen Situationen oft weg. Eingreifen kann er mangels Mut und seiner Ablehnung von Gewalt nicht. Die Courage, die ein echter Pazifist (in der extrem seltenen „Ghandi-Ausführung“) braucht, um wenigstens verbal und (hoffentlich) deeskalierend einzuwirken, hat der Möchtegern-Pazifist auch nicht. Bestenfalls greift er noch zum Telefon um die „Staatsgewalt“ zu benachrichtigen, die rechtzeitig genug kommt um ein Protokoll aufzunehmen und das Blut aufwischen zu lassen.

Ein Pazifist muß – um seinen Pazifismus leben zu können – in einer Umgebung (Gemeinschaft/Staat) leben, die ihn gegen übel wollende Kräfte beschützt. Diese Gemeinschaft muß den Schutz ihrer Mitglieder notfalls auch mit Gewalt durchsetzen können, da Übergriffe nicht selten gewalttätig sind und häufig durch Einsatz von Gewalt beendet werden müssen. Gewalt an sich ist zwar nur selten eine Lösung, aber sie kann eine Lösung begünstigen, indem sie die Vorbedingungen zu einem (für die Gesellschaftsmitglieder) nachteiligen Ergebnis (i.e. Unterwerfung/Unterdrückung) zum Positiven verändert.

Aber ein Pazifist ist irgendwie auch gegen „Staatsgewalt“, die ja meist das einzige ist, das ihn gegen das Böse™ schützen kann. Er will weder Waffen zur Selbstverteidigung in den Händen der Bürger sehen, noch will er Waffen in den Händen der Polizei sehen. Er will auch keine Soldaten und er will vor allem keine Nachbarn, die ihm übel wollen. Was er will, ist eine Welt, in der es keine Konflikte, keine Auseinandersetzungen und keine Gewalt gibt. Ein Pazifist hat sogar Angst vor seinem eigenen Gewaltpotenzial, dessen Existenz er einerseits vehement verneint, das er aber verbal und ohne Rücksichten zu nehmen, gegen Leute einsetzt die seine Ansichten nicht teilen. Zu den Mitteln der Wahl zählen „Totschlagargumente“ in Form von verdrehter Rhetorik.

Da aber ein Pazifist gegen Waffen, Krieg und Kampf eingestellt ist, schwächt er seinen eigenen Schutz und begünstigt damit seine potenziellen Feinde. Der Nicht-Pazifist, der seine Waffen eben nicht zu Pflugscharen geschmiedet hat, wird immer einen Vorteil gegenüber dem Pazifisten haben. Dieser schafft entweder einen faschistischen Überwachungsstaat indem er die Gewalt delegiert (die er eigentlich so sehr verabscheut) oder er landet in einer Gesellschaft in der er von äußeren Feinden unterdrückt wird. Er sperrt sich also selbst in einer Unterdrückungsgesellschaft ein – so oder so. Der Freiheitsbegriff eines Pazifisten entspricht einer Sklaverei. Der alte Sponti-Spruch der ’68er: „Lieber Rot als tot“ – umgekehrt funktioniert er genau so. Wer wagte schon gegen die Nazis aufzumucken als sie an der Macht waren? Was mit etlichen der wenigen Mutigen passiert ist, die es wagten aktiven oder passiven Widerstand zu leisten, ist bekannt. Aber die wenigsten Pazifisten hätten überhaupt Mut zum passiven Widerstand in einer Diktatur – obwohl das einer der Kernsätze ihrer eigenen Philosophie ist. In einer wenigstens halbwegs freiheitlich-demokratischen Gesellschaft seine Meinung zu sagen und für sie aufzustehen ist keine Kunst. Das Riskio ist gering. Aber in einer kommunistischen oder faschistischen Gesellschaft wird man dafür an die Wand gestellt. Und da wird der Pazifist dann zum braven Mitläufer, der hinterher von nichts gewusst haben will … aber er wird trotz allem nicht von seiner diffusen Ideologie lassen. Er verkauft seine Freiheit (und die von anderen Leuten) gegen Sicherheit und verliert dabei beides.

Um es mit ein paar alten Sprichworten zu sagen:

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“ (Schiller)

und

„Wer seine Schwerter zu Pflugscharen schmiedet, wird für die pflügen, die das nicht getan haben“.

Moralisch gesehen hat der Pazifismus durchaus seine Berechtigung, auch wenn ich den Begriff „friedliebend“ vorziehe. Psychologisch und politisch gesehen ist Pazifismus eine Katastrophe. Heiner Geißler hat einmal gesagt: „Der Pazifismus der 30er Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht“.

Nur in einer demokratischen Gesellschaft kann so eine pro-faschistische Philosophie wie der unreflektierte Pazifismus existieren und gedeihen. George Orwell, der alte Totalitarismusexperte, hat da während des 2. Weltkrieges ein paar profunde Worte dafür gefunden:

Pacifism. Pacifism is objectively pro-Fascist. This is elementary common sense. If you hamper the war effort of one side you automatically help that of the other. Nor is there any real way of remaining outside such a war as the present one. In practice, ‘he that is not with me is against me’. The idea that you can somehow remain aloof from and superior to the struggle, while living on food which British sailors have to risk their lives to bring you, is a bourgeois illusion bred of money and security. Mr Savage remarks that ‘according to this type of reasoning, a German or Japanese pacifist would be “objectively pro-British”.’ But of course he would be! That is why pacifist activities are not permitted in those countries (in both of them the penalty is, or can be, beheading) while both the Germans and the Japanese do all they can to encourage the spread of pacifism in British and American territories. The Germans even run a spurious ‘freedom’ station which serves out pacifist propaganda indistinguishable from that of the P.P.U. They would stimulate pacifism in Russia as well if they could, but in that case they have tougher babies to deal with. In so far as it takes effect at all, pacifist propaganda can only be effective against those countries where a certain amount of freedom of speech is still permitted; in other words it is helpful to totalitarianism. (Quelle: http://www.orwell.ru/library/articles/pacifism/english/e_patw)

Pazifistische Grundrechenarten: Definition des Pazifismusbegriffes

Es gibt viele verschiedene Spielarten des Pazifsmus. Einig sind sich diese unterschiedlichen Richtungen nur in der Ansicht, daß sie Krieg als Mittel zur Konfliktlösung ablehnen.

Das halte ich zwar für recht vernünftig, aber wenn einem ein Konflikt mit gewalttätigen Mitteln entgegengetragen wird, womit will man entgegnen, wenn man nicht die passenden Waffen und den Willen hat, um sich angemessen zu verteidigen?

Ich mag Krieg nicht. Er ist schmutzig, hässlich und gemein.

Unterdrückung mag ich auch nicht. Die ist schmutzig, hässlich und gemein.

Lässt sich so etwas durch blinden Total-Pazifismus ändern? Ich kenne genau 2 Fälle in der Weltgeschichte in der das (sehr oberflächlich betrachtet) geklappt hat. Indien durch Ghandi und der Fall der Berliner Mauer. Diese Beispiele lassen sich aber nicht verallgemeinern und auf jede Situation anwenden. Beide Fälle hatten sehr günstige Bedingungen und hätten andernfalls sehr blutig scheitern können. Wenn Set und Setting nicht passen, dann funktioniert es nicht.

Pazifisten haben sich ein ideologisch-philosophischen Trugschluß ausgesucht, der lautet: „Keine Waffen, keine Aggressionen = kein Krieg, keine Konflikte.“ Auf dieser Basis sammeln sie sich dann hahnebüchene Argumentationsfetzen zusammen, die diese Ansicht stützen. Dabei wird kategorisch ausgeblendet, daß die menschliche Natur eine recht primitive und gewalttätige Sache ist, die man nicht mit ein paar Schlagworten und gut klingenden Behauptungen ändern kann.

Psychologisches …

Bekommt man Gewalt, gewalttätiges Denken und gewalttätiges Handeln aus einem Menschen raus? Kann man einen Menschen zu einem Pazifisten erziehen? Entwicklungsgeschichtlich ist der „Kampf ums Überleben“, der „Kampf um Vorteile“, der „Kampf, um Mitbewerber nicht hochkommen zu lassen“ viele Millionen Jahre alt. Und das will eine uneinheitliche und oberflächliche Philosophie, die es grade mal gut 100 Jahre lang gibt, der Menschheit kollektiv austreiben? Soll das Lamm neben dem Löwen liegen, ohne gefressen zu werden? Wie soll das gehen?

Die pazifistische Ideologie ignoriert einige wichtige Tatsachen, die ihr Ziel letztendlich unmöglich machen bzw. sogar den gegenteiligen Effekt haben. Sie blendet wesentliche Fakten aus und ignoriert Tatsachen.

Um diesen Artikel nochmal mit George Orwell abzuschließen, ein Zitat, das sich die blindwütigen Pazifisten in der Piratenpartei und anderswo dringend mal durch den Kopf gehen lassen sollten:

„Leute die durch Geld und Kanonen vor der Wirklichkeit geschützt sind, hassen die Gewalt zu Recht und wollen nicht einsehen, das sie Bestandteil der modernen Gesellschaft ist und das ihre eigenen zarten Gefühle und edlen Ansichten nur das Ergebnis sind von Ungerechtigkeit, gestützt durch Macht.“
– George Orwell

Meine persönlichen Erkenntnisse:

1. Man kriegt die evolutionsgeschichtlich uralten Instinkte und Überlebensstrategien nicht aus dem Primaten Mensch raus. Die Gewalt ist ein Teil von uns den man nicht negieren kann.

2. Wird ein Mensch über einen gewissen Punkt hinaus belastet, reagiert er mit Gewalt (gegen sich selbst und/oder andere).

3. Die pazifistische Ideologie schwächt den Wunsch und die Fähigkeit der Menschen für sich selbst zu sorgen und einzustehen. Sie unterstützt das „Führer-Prinzip“ und die Abgabe der eigenen Verantwortung.

4. Pazifisten legen Wert auf die moralische Überlegenheit ihrer, in der Praxis unausgereiften und naiven, Philosophie und verwenden diese Moralkeule als Totschlagargument.

5. Pazifisten geben ihre Freiheit zugunsten einer Schein-Sicherheit auf

6. Pazifisten sind in der Mehrzahl antidemokratisch und anti-freiheitlich – merken es aber nicht.

7. Pazifisten denken und handeln oft nach dem  Nirvana Fallacy – Prinzip

4 thoughts on “Pazifismus”

  1. Schöner Artikel. Ich denke gesunder Pazifismus bedeutet für mich, dass Krieg und Gewalt immer das letzte Mittel sein sollten.

    1. Das würde ich weniger als Pazifismus sehen, sondern als zivilisiertes Verhalten. Leider gibt es „da draußen“ noch mehr als genug Barbaren die ihre Ziele und Ideen mit Gewalt durchsetzen wollen und das auch tun.

      So lange es solche Menschen/Gruppierungen gibt, kann es keinen echten Pazifismus geben und die Leute, die sich selbst entwaffnen um „den ersten Schritt zu machen“ sind auch die, die ihrer eigenen Idee zum Opfer fallen.

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