Diskriminierung von Waffenbesitzern

Interaktionelle, strukturelle und institutionelle Diskriminierung.

Eine Gesellschaft, die sich selbst gerne als pazifistisch bezeichnet (es aber definitiv nicht ist, weil die meisten Leute den Begriff Pazifismus völlig falsch verwenden bzw. verstehen) grenzt Menschen aus, die Waffen besitzen. Es spielt überhaupt keine Rolle, daß diese Menschen völlig friedliche bzw. sehr friedliebende Leute sind. Man nimmt einfach an, daß jemand der Waffen hat, kein Pazifist sein kann. Er ist, per selbstgezimmerter Definition, ganz sicher ein potenzieller Verbrecher, Mörder, Amokläufer, vielleicht sogar ein Psychopath oder Soziopath. Zumindest aber muß jemand der Waffen hat ein Atavist sein. Ein sozial und gesellschaftlich zurückgebliebener Primitivling, der geächtet werden muß.

Das ist „strukturelle Diskriminierung“  und sie ist typisch für Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus, Schwulenfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit, usw.

Der Waffenfeind hält sich für zivilisiert und sozialisiert. Jemand, der mit Waffen umgeht, kann nach seiner Meinung unmöglich zivilisiert sein. Denn ein zivilisierter Mensch hat und benutzt ja keine Waffen. (Das ist übrigens die selbe Sorte Mensch, die begeistert von Mittelalter-Festen ist und eine schmutzige, brutale und primitive Zeit romantisch verklärt).

Das ist interaktionelle Diskriminierung. Der Gegner schreibt dem Waffenbesitzer Eigenschaften zu, auf Basis dessen er diesen diskriminiert.

Natürlich wird der Waffenfeind nie zugeben, daß er jemanden diskriminiert. Er definiert die Beschäftigung seines Gegners als dumm, primitiv, unsozial und gesellschaftlich gefährlich. Damit tut er so, als würde er nicht den Menschen ausgrenzen, sondern greift eher etwas Abstraktes an, einen eher mystischen Gegenstand (die Waffe) und eine Freizeitbeschäftigung (Sammeln, Sport oder Jagd), die in den Augen Öffentlichkeit sowieso nur als stark verzerrtes Bild existieren.

Dieses verzerrte Bild ist das Ergebnis einer interaktionellen und institutionellen Diskriminierung die sich auch auf anderen gesellschaftlichen Gebieten sehr häufig wieder findet.

Die meisten Menschen werden wohl jede Form der Diskriminierung ablehnen, ungeachtet der Tatsache, daß sie jeden Tag die eine oder andere Form von Diskriminierung praktizieren. Nämlich da wo ihre Emotionen, Überzeugungen und Vorurteile die Oberhand über Ratio und Information gewinnen.

Es gibt eine umfangreiche soziologische Studie zu Waffenbesitzern und zu Waffenbesitz. Nur liest die wahrscheinlich keiner. Schließlich ist es viel einfacher andere Menschen aufgrund von Vorurteilen und Unwissenheit zu diskriminieren, als sich zu informieren und aktive Toleranz zu üben. Mit Toleranz meine ich keine blinde Toleranz, sondern Toleranz, die sich auf rationale Informationen stützt.

Schießen im Verein – Eine explorative Untersuchung des legalen Besitzes und Umgangs mit Schußwaffen  – Prof. Dr. Ronald Hitzler, Soziologe

Rezension zu: Arne Niederbacher: Faszination Waffe – eine Studie über Besitzer legaler Schusswaffen in der Bundesrepublik Deutschland – Peter Stegmaier

Faszination Waffe – Eine Studie über Besitzer legaler Schusswaffen in der Bundesrepublik Deutschland – Arne Niederbacher

3 Kommentare zu „Diskriminierung von Waffenbesitzern“

  1. Hitzler kannte ich noch nicht. Sehr interessant ist m.E. dieser Auszug:

    Die Schützen verstehen sich nicht nur als loyale und gesetzestreue Bürger, sondern auch als Leistungsträger der Gesellschaft – und daher wollen sie in ihren Reihen nur Personen mit ‚angesehenen‘ Berufen, festem Wohnsitz und gutem Leumund haben.

    Die Auseinandersetzung mit Waffen stellt sich für sie nicht als zweifelhafte Angelegenheit dar, sondern als Inbegriff liberal-bürgerlichen Daseins: Der Umgang mit Waffen schult ihrer Ansicht nach vor allem anderen die Disziplin im Umgang mit gefährlichen Gegenständen, und dies evoziert ihrem Selbstverständnis nach ein Nachdenken über das eigene Verhältnis zu Macht und Gewalt, weswegen der Umgang mit Waffen ein wichtiger Beitrag zur Aufrechterhaltung von Zivilisiertheit ist.

    Waffen sind für die Schützen insofern ein Symbol bürgerlicher Zivilisation – und übrigens auch historische Zeitzeugen auf dem Weg dorthin.

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