Trigger-Happy

Immer noch glauben viele Menschen an den „Waffen-Effekt“ – die Theorie, daß allein die Verfügbarkeit einer Schußwaffe einen direkten oder schleichenden Einfluß auf Menschen hat und sie früher oder später zu Killern (Verbrechern, Terroristen) macht.

Ungeachtet der Tatsache, daß in Vergleichen mit anderen, häufig benutzten Tatwerkzeugen, diese Theorie eben nicht bestätigt werden kann, haben in den 60ern Forscher (Berkowitz et al.) eben diese Theorie aufgestellt und mit einer Studie zu belegen versucht. Laut Berkowitz erhöht eine Schußwaffe die Aggressivität einer Versuchsperson.

https://en.wikipedia.org/wiki/Weapons_effect
(Bezeichnenderweise gibt es den Artikel in der deutschen Wikipedia überhaupt nicht)

Die Auswertung der Aggressionsstudie schien diese Annahmen zu belegen. Jahre später wurde das Set-Up der Studie (die Rahmenbedingungen) und die Auswertung von anderen Wissenschaftlern überprüft und als grob fehlerhaft erkannt. Kurz: Die Studie, ihre Vorannahmen, ihre Ergebnisse und die Schlüsse, die daraus gezogen wurden, sind Unsinn. Unwissenschaftliche Arbeit hat einen Glaubenssatz in die Welt gestellt, der weit von der Realität entfernt ist, sich aber in den Köpfen festgesetzt hat.

Da diese Theorie aber von einem renommierten Sozial-Psychologen auf dem Feld der Aggressionsforschung aufgestellt und erst später von anderen Wissenschaftlern überprüft wurde, glaubte man das einfach. Dabei wurde diese Studie schon Mitte der ’70er angezweifelt, überprüft und mit anderen Studien widerlegt.

Hier die Studie (die bekannteste von mehreren Arbeiten), die die ursprüngliche Theorie mit klaren Argumenten zerpflückt und schlampige Arbeit aufdeckt.

https://www.saf.org/wp-content/uploads/2014/01/Trigger-Happy-Rethinking-the-Weapons-Effect.pdf

Leider finden sich gerade in den Sozialwissenschaften und in der Psychologie häufig „Studien“ die wissenschaftlichen Ansprüchen und der eigentlich erforderlichen Methodik nicht genügen. Die Ergebnisse werden in populärwissenschaftlichen Beiträgen von „Wissenschafts-Journalisten“ kurz als „Tatsachen“ ohne weitere Hintergründe angesprochen und landen so als „Allgemeinwissen“ in den Köpfen der Menschen. Schon interessant, was ein plausibel klingender, ein anscheinend wissenschaftlich belegter aber völlig falscher Gedankengang für gesellschaftliche Auswirkungen haben kann. (Heute erleben wir das wieder beim 3rd-Wave-Feminismus und den sogenannten „Gender-Studies“, die nicht mal eine wissenschaftliche Grundlage haben, sich aber als scheinbar seriöse Forschung verkleiden).

Dabei hätte gerade im Fall des „Waffen-Effektes“ schon eine einfache statistische Überprüfung von Delinquenz und Schußwaffengebrauch bei normalen Bürgern (unter Ausschluß von Verbrechern, Irren und Terroristen) ein klares Ergebnis erbracht. Nämlich, daß gesetzestreue Waffenbesitzer sogar weniger zu Aggression und Gewalt neigen.

Forscher wie Gary Kleck fanden sogar einen „reverse weapons-effekt“ – konnten also belegen, daß Waffen sich negativ auf Aggression auswirkten.

Fazit: Waffen, Waffenbesitz und Waffenbesitzer sind nicht die Ursache von Aggression und Gewalt. Waffen können bei Verbrechen Tatmittel sein, verursachen die Tat aber nicht.

Ein typischer Fall in dem Korrelation und Kausalität verwechselt wurden. Etwas, was in den „harten“ MINT-Wissenschaften viel seltener vorkommt als in den „weichen“ Wissenschaften in denen das inzwischen fast epidemisch ist. Dabei lassen sich viele Elemente des Falsifikationismus auch auf die weichen Wissenschaften anwenden.

Und immer noch steht der „Waffen-Effekt“ als Tatsache in den Lehrbüchern für Psychologen und Soziologen …

2 thoughts on “Trigger-Happy”

  1. In wie weit sich dieser fehlerhafte Gedanke in die Gesellschaft eingebrannt hat, ist mir wieder die letzten Tage bewusstgeworden, als die Einführung von „Hilfspolizisten“ in der Bevölkerung diskutiert wurde.
    „Drei Monate Ausbildung und dann schon mit Schusswaffe auf öffentlichen Straßen!“ das hat die meisten Bürger bewegt und natürlich sah das jeder als „Problem“.
    Die Zeitung der „www.derwesten.de“ hat hierzu, natürlich wieder einmal sogar mit Experten gesprochen.
    „Unter dem Druck der Flüchtlingswelle stellen immer mehr Bundesländer nach Schnellkursen Hilfspolizisten ein. Experten warnen vor tödlichen Folgen.“
    Tödliche Folgen – das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.
    Wie war das? – Wer schürt in Deutschland gegen wen Angst?
    Journalisten und ihre Experten gegen die Vernunft und Realität?
    Das geht sogar so weit, dass der Koalitionspartner SPD in Sachsen-Anhalt das Vorhaben von Innenminister Stallknecht ablehnt, da diese Hilfspolizisten nicht viel bringen werden, da ihre Rechte doch sehr eingeschränkt sind – und dafür benötige man keine Quereinsteiger mit Schusswaffen.
    Vehement lehnt der SPD Innenpolitiker Rüdiger Erben es ab, Hilfspolizisten mit Schusswaffen auszustatten. „Das ist eine heftige Nummer“, sagte er. „Ich halte das aus rechtlichen Erwägungen und wegen der mangelnden Ausbildung für hochproblematisch. Das geht gar nicht.“
    Übrigens; die eingeschränkten Rechte der Hilfspolizei wurde in Zusammenarbeit mit dem Innenministerium, der Polizei und den Kommunen erarbeitet.
    Die Hilfspolizei kann so an ganz vielen Stellen die Exekutive von Tätigkeiten und Überwachungen entlasten, so dass diese sich wieder auf ihre Kernaufgaben konzentrieren kann.
    Da saß dieser Herr Erben mit am Tisch und alle Beteiligten fanden diese Entlastung notwendig und ein enormes Plus an Sicherheit für die Bürger, bis – ja bis ich aus seinem Hirn wieder der Waffen-Effekt ergoss und sich diese eingebrannte Verweigerung der Realität so ernsthaft in die Sicherstellung von Ordnung und Rechtsstaatlichkeit in Sachsen-Anhalt einmischte, dass er nun gegen die Beschlüsse der „Wirklichen Experten“ stimmen muss. –
    – Denn als Abgeordneter ist er ja nur seinem Gewissen verpflichtet, und das ist ein schlechtes Gewissen!

  2. Zu einem großen Teil geht es wohl auch auch um die gewachsenen Pfründe, die auf Teufel komm raus verteidigt werden. Da haben Logik, Verstand und überprüfbare Experimente leider keinen Platz mehr.

    Aus der Makrosicht betrachtet ein Phänomen, welches als ein unabdingbarer Bestandteil jener Anstrengungen einzuordnen gilt, die Eine-Welt-Sicht-Der-Dinge möglichst überall auf diesem Planeten durchzusetzen.

    Ein sehr guter Artikel, der auf engstem Raum kurz und knapp all die Dinge anspricht, die zum Thema gesagt werden müssen. Danke dafür.

    Herzliche Grüße
    Der Salva

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