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Deutschlands illegale Waffen

Des öfteren werde ich gefragt, wie ich darauf komme, dass es in Deutschland 30 – 45 Millionen illegale Waffen geben soll. Den meisten Lesern kommt diese Zahl sehr hoch vor. Es würde bedeuten, daß in jedem Haushalt eine Waffe vorhanden sein könnte (Milchmädchenrechnung, da die Verteilung eine andere ist. Es geht nur um das Verhältnis zur Einwohnerzahl von rund 80 Millionen Personen).

Belegbare Tatsache ist, dass bis 1972 großkalibrige Langwaffen und diverse Kurzwaffenmodelle ab Volljährigkeit des Käufers, gegen Vorlage des Personalausweises, ohne Registrierung gekauft und besessen werden durften. Die Handelsbücher der Waffengeschäfte und des Versandhandels (Otto, Neckermann, Quelle) weisen ein Auftragsvolumen von 20 Millionen Waffen aus. Der Zeitraum: 50er Jahre bis 1972 als das Waffengesetz im Zuge der RAF-Hysterie drastisch verschärft wurde und auf bisher frei erhältliche Waffen ein Registrierungszwang gelegt wurde.

Von diesen rund 20 Millionen verkauften Waffen wurden ca. 300.000 registriert und damit legalisiert – der Rest wurde über Nacht illegal. Die damalige Regierung hat also mit einem einzigen Federstrich Millionen illegaler Waffen erst geschaffen. (Gleiches passiert dieses Jahr in Österreich, wo bisher frei erhältliche Waffen der Kategorien C meldepflichtig werden und registriert werden müssen. Das ist eine EU-Vorgabe. Nicht der Wille der Regierung oder des Volkes.

Knapp 20 Millionen illegale Waffen sind damit schon mal belegbar. Kommen wir jetzt zu den Spekulationen.

Niemand weiß, wie viele Waffen seit der Zeit des ersten Weltkrieges in den Händen der Bürger verblieben sind. So ein „alter“ Karabiner 98 (über 100 Millionen Gewehre mit dem Mauser-System wurden hergestellt) kann bei guter Konservierung und/oder guter Pflege leicht 150 Jahre und länger halten – bei voller Funktionsfähigkeit und Präzision. Gleiches gilt für Munition.

Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass sich zwischen 5 – 7 Millionen Weltkriegswaffen im Volk befinden. Pessimistische Schätzungen gehen von 10 Millionen und mehr aus. Belege oder konkrete Zahlen gibt es nicht – kann es nicht geben. Sowohl von den Behörden als auch von diversen anderen Organisationen wird bezüglich der Waffenmenge, Art/Typ nur wild geraten.

Zusätzlich kommen in den Folgejahren seit 1972 weitere Waffen durch Schmuggel ins Land. Die Zahlen dazu werden auch geschätzt und haben keine Basis, die als Anhaltspunkt dienen könnte.

In der neueren deutschen Geschichte gab es zwei „Peaks“ bei denen größere Mengen moderne, illegale Waffen ins Volk kamen. Das eine Ereignis war der Balkan-Krieg, das andere war der Fall der Mauer.

Während des Balkankrieges (mehrere Ereignisse zwischen 1991 – 2001) gingen größere Ströme von illegalen Kriegswaffen durch Deutschland. Während und vor allem nach dieser Zeit konnte man Handgranaten für 10 – 50 DM auf dem Schwarzmarkt kaufen. Ein modernes Sturmgewehr war für 450 – 700 DM zu haben. Nach dem Mauerfall Ende ’89, Anfang 1990 konnten in russischen Garnisonen in der Ex-DDR „Kleinwaffen“ für ein paar Hand voll D-Mark-Scheine und ein paar Flaschen Schnaps günstigst erstanden werden. Sturmgewehre wie das AK-47/74 gingen teilweise kistenweise in andere Hände über – zusammen mit Munition, Handgranaten, Minen und Panzerfäusten. Sogar gröbere Artillerie und Panzerfahrzeuge sollen dabei in die Hände von Privatpersonen gekommen sein (was unbestätigte Gerüchte sind, da ich dafür keine Belege habe).

Weiterhin gibt es seit den 70er Jahren einen stetigen Zufluss von Waffen aller Art. Die Behörden sprechen von „geringen Mengen“ und einem „eher kleinen Schwarzmarkt“. Diese Behauptungen kann und sollte man anzweifeln, weil die Behörden keinerlei seriöse Daten haben, die ihre Behauptungen belegen – genau so wenig wie ich saubere Belege habe um diese Behauptungen zu widerlegen. Es ist von beiden Seiten her reine Spekulation. Es gibt schlicht und einfach keine ordentlichen Informationen zu diesem Thema.

Nach einer meiner Quellen macht eine polnische Schmuggler-Gruppe alleine für den Berliner Bezirk Kreuzberg 2-3 Lieferungen im Monat. Pro Lieferung ca. 10 -15 Pistolen und 3-5 Gewehre auf Vorbestellung. Dazu ca. 8000 – 10.000 Schuß Munition. Die Berliner Schwarzmarktpreise sind im Vergleich zu anderen Städten in Deutschland ziemlich hoch. Das gibt’s bei anderen Schwarzmarkthändlern in anderen Städten wesentlich billiger.

Es gibt dutzende, wenn nicht hunderte andere Gruppen, die ihre „Reviere“ unter sich aufgeteilt haben und an jeden verkaufen, der etwas haben möchte. Man muss sich nicht allzu tief in die Halbwelt begeben um an illegale Waffen zu kommen. Ob bei Deutschen, Türken, Albanern, Russen, Polen, Tschechen oder Italienern – ein bisschen nachfragen und innerhalb kurzer Zeit ist man Besitzer einer illegalen Waffe. Die Polizei ist gegen den illegalen Waffenhandel weitgehend machtlos.

Das eigentlich erstaunlich dabei ist, dass nur ein winziger Teil dieser gigantischen Menge von illegalen Waffen für Verbrechen verwendet wird. 2013 wurden gerade mal ~150 erlaubnispflichtige, aber illegale, Waffen im Zusammenhang mit Kriminalität sichergestellt.

Warum also die vielen Millionen illegalen Waffen in Bürgerhand? Auch hier kann man nur spekulieren. Einer der wahrscheinlichsten Gründe dürfte sein, „für den Fall der Fälle (wie auch immer der aussehen mag)„, „etwas“ in der Hand zu haben. Ganz nach dem Motto: „Besser eine Waffe haben und sie nie zu brauchen, als eine zu brauchen und keine zu haben“. Die Besitzer gehen auch nach der Maxime vor: „Was nicht registriert ist, kann einem auch nicht weggenommen werden. Auch entfallen kostspielige und zeitaufwändige behördliche Prüfungen und Genehmigungen. Das gesamte Waffengesetz wird einfach umgangen und ignoriert. Trotzdem passiert so gut wie nichts.

Das Vertrauen der Bürger in ihren Staat und die Polizeibehörden scheint nicht besonders groß zu sein. Und die Maxime der Regierung: „So wenige Waffen wie möglich ins Volk“ kann man als „grandios gescheitert“ bezeichnen. Auch wenn die Regierung das Waffengesetz anlassabhängig und turnusmässig verschärft – übrigens ohne zu evaluieren, ob es überhaupt einen positiven Effekt gegen Waffenmissbrauch hat – gegen die Schwemme der illegalen Waffen hilft das nichts. Nur die Besitzer legaler, registrierter Waffen werden immer mehr gegängelt und stigmatisiert.

Gibt es ein Problem mit illegalen Waffen? Selbst wenn man von den pessimistischsten Schätzungen ausgeht, lautet die Antwort: Nein! Scharfe Schusswaffen – so verbreitet sie sein mögen – kommen in der Verbrechensstatistik als Tatmittel ziemlich weit hinten.

Wir leben in einer ausgesprochen friedlichen und gewaltarmen Gesellschaft. Schusswaffenkriminalität ist nur ein Thema für die Medien, die jeden einzelnen Fall dankbar aufnehmen, denn diese Fälle sind recht selten. Angesichts der wahrscheinlich hohen Zahlen von illegalen Waffen in Deutschland ist der Waffenmissbrauch unglaublich gering.

Das spricht sehr für die Vermutung, dass wir eine recht vernünftige, und friedliche Zivilgesellschaft sind – trotz der weiten Verbreitung von scharfen Feuerwaffen. Auch wenn ein Bürger eine illegale Feuerwaffe besitzt, neigt er nicht dazu, sie zu gebrauchen, wie das von Waffengegnern permanent befürchtet wird.

EDIT: Bitte in den Kommentaren noch die Ergänzung von Katja Triebel lesen. Ergänzt diesen Artikel und rundet ihn ab!

Quellen:
WELT (2015) – So leicht kommen Terroristen an Kriegswaffen in Deutschland
Berliner Zeitung (2012) – Illegaler Waffenhandel in Berlin floriert
WAZ (2012) – Experten vermuten Millionen illegaler Waffen in NRW
Tagesspiegel (2003) – Waffen beschaffen in Berlin – kein Problem
MoPo (2008) – Illegaler Waffenhandel in Hamburg
Berliner Zeitung (2014) – Maschinenpistole für 500 Euro
Focus (1996) – Waffenhandel – Explosive Billigheimer
F ocus (2015) – Schwarzmarkt: So einfach kommen Terroristen an Kriegswaffen
ProLegal (2015) Waffengesetze helfen nicht gegen den Schwarzmarkt
Spiegel (1976) Waffen sind das Bombengeschäft

Weitere Links:
Todesursache Schußwaffe – amtliche Todesursachenstatistik

Nachtrag 03.09.2015: